Reviews 2019

100 Kilo Herz, Weit weg von Zuhause, Record Jet / Soul Food CD/LP 2018

 

Leipzig kann nicht nur Fußball, sondern auch Ska-Punk. Krachend, laut, politisch und echt klingt der Sound der sieben Musiker, die sich 2014 formierten. Das ist immer wieder erfrischend, auch wenn es sich nicht um eine musikalische Neuerfindung handelt. Dafür ist es ehrlich und mit Herz, sodass der Bandname hier wirklich Konzept ist. „3,5 Punker, 1,5 Jazzer und 0,5 Indie“ steckt in dieser Band, so der Pressetext. Die 3,5 Punks überwiegen dann doch sehr deutlich.

 

Das Debutalbum „Weit weg von zu Hause“, welches bereits Ende 2018 erschienen ist, teilt sich inhaltlich in Großstadt und Kleinstadtsongs, die jeweils ihre eigenen Geschichten erzählen. So ganz alleine, zwischen Ska und Punkrock, wie sie sich musikalisch verorten, sind die Leipziger allerdings natürlich nicht. Ska-P, Sondaschule, Reel Big Fish, Talco und viele andere sind ebenfalls in der, meines Erachtens, unproblematischen Situation, sich zwischen zwei Stilen zu bewegen. Und längst gibt es ja auch schon ein recht unspektakuläres Wort dafür: Skapunk oder Skacore.

 

Neben fetten Bläsern gibt es grölenden Gesang, Pogo, Polka und Punk (Song sechs). Die elf Songs mit deutschen Texten sind ein sehr gutes Aushängeschild für eine Bands, von der wir sicherlich nicht den letzten Ton gehört haben. DerDUDE   

Masons Arms, Von Vorn, Pork Pie CD/LP 2019 Masons Arms, Von Vorn, Pork Pie CD/LP 2019

Masons Arms

Von Vorn", Pork Pie, CD/LP 2019

 

TrainSkaMusik verweist auf den Zeitpunkt, wo die Idee für dieses Review entstand. Und es ist ein perfekter Platz, um sich, mit Blick aus dem Zugfenster, der neuen Scheibe der Kölner Masons Arms zu widmen, die im Januar 2019 erscheint. Der Blick aus dem rasenden Zug führt über schier endlose Horizonte, weite Felder und kleine Wälder, die einem zu grundsätzlichen Gedanken führen. Dann wieder durch enge Häuserschluchten, wo es möglich zu sein scheint, in die Fenster der Wohnungen zu schauen – vielleicht sogar etwas in die Köpfe deren Bewohner.

 

Der große, quirlige Mann mit dichtem, schwarzem Bart und bösem Blick führt uns mit deutschen Texten in genau dieses Szenario. Er blickt in die Ferne, aber auch in die Köpfe der Menschen. Gibt Lebenshilfen „Von Vorn“, beschreibt haltbare und unhaltbare Zustände, was zum Teil durchaus philosophische Züge besitzt, aber auch klare Ansagen in Richtung Rechts: „Zeit zu gehen“ oder „Buntes Land“.

Masons Arms, Von Vorn, Pork Pie CD/LP 2019 Masons Arms, Von Vorn, Pork Pie CD/LP 2019

Aber vielleicht von vorn‘: Die fünfköpfige Band um Sänger „Bart“-Hanno ist bei weitem keine Neuerscheinung, denn sie existieren bereits seit 1996 und haben eine längere Entwicklung vollzogen. Heute spielen sie deftigen „Punky Boss Reggae“. Heißt vor allem sehr eingängiger Early Reggae mit Elementen aus dem traditional Ska. Neben dem eindringlichen, teils rauen Gesang prägt in erster Linie die Hammondorgel die musikalische Szenerie, die im unaufhaltsamen Dauereinsatz ist. Schon die beiden Videos zu den Songs „Von Vorn“ und „Wunderbar“ haben die musikalische Richtung vorgegeben. Textlich, (video-)grafisch und musikalisch eine perfekte Produktion, die genau das erreicht, was sie erreichen soll: Nämlich Lust auf mehr! Und das bekommt man mit der neuen Scheibe. Endlich mal wieder eine Band und ein Silberling, der sich seinem Musikstil durchgehend treu bleibt! Das tut gut, richtig gut! Der geneigte Musikfan hat viel Zeit, sich in den prägenden, faszinierenden Stil hineinzuhören, sich ihm völlig zu ergeben und schließlich sich in ihn hoffnungslos zu verlieben.

 

Insgesamt bewegt sich der Boss Sound-Stil zwischen einem eleganten Instrumental (Song sechs „Früher war alles besser“) und deftigerer Wortkunst wie „Halt die Fresse“ in Song zehn, die auch schon mal therapeutische Einschläge zeigt. Genau dieses Stück besitzt wieder diesen Ska-Train-Sound, den Sound, bei dem dieses Review entstand. CD kaufen und ab in den Zug! Ab in die süß-saure, mitreißende Zeitreise des Boss Reggae Sounds der Masons Arms!

DerDUDE

 

Und nein, so böse wie Hanno schaut, ist er gar nicht.